Tanzen, tanzen, tanzen! Und eine Mauer.

Urumqi (China) – Peking (China)

Tag 229 – 242

Kilometer 11593 – 11887

Zug fahren ist ja grundsätzlich eine einfache Sache. Ticket kaufen, einsteigen und los geht die Reise. Nur wie funktioniert das wenn man ein 45 Kilogramm Fahrrad dabei hat, kein Wort der Sprache versteht und nicht mal weiss, wo hin man sich begeben muss um diese Frage zu klären. Nun in meinem Fall hatte ich schon mal Glück, dass mir einige Fahrradkollegen bekannt waren, welche sich all diesen Fragen schon gestellt hatten. Sogar teilweise am gleichen Bahnhof abgefahren sind.
Zuerst muss ein Ticket für die gewünschte Strecke online gekauft werden. Da gibt es unterschiedliche Optionen welche einfacher und schwieriger sind. Und da China ein grösseres Land ist, sind auch die Reisewege mit dem Zug deutlich länger als z.B. in der Schweiz. Urmunqi bis Peking kann schon mal 30 bis 38 Stunden dauern. Und ein bis zwei Nächte beinhalten. So stellt sich dann auch die Frage ob ein Bett zu bevorzugen ist und wie hart diese „Hard Seat“ denn genau sein würden. Wenn aber ein Bett gebucht werden wollte, sollte dies meist einige Tage oder Wochen im voraus gemacht werden. Denn die Plätze sind schliesslich auch begrenzt. Drei Tage im Voraus gibt es nur noch Hard Seat Plätze. Naja sind ja nur 30 Stunden.

Mit einer Mailbestätigung und einem x-stelligen Code, kann man sich danach zum nächsten Bahnhof begeben. Wo man dann ein viel zu kleines Ticket in die Finger gedrückt bekommt, die Angst dies zu verlieren ist hoch von Anfang an. Dann gilt es die CRE zu finden. (China Railway Express) Dabei kann man das Sicherheitspersonal von Anfang an ignorieren, denn diese haben noch nie von diesem CRE gehört, es muss schon selbst gefunden werden. Dort wird sperriges Gut aufgegeben, z.B. ein Fahrrad und 25 Kilogramm Gepäck.

Hier gilt es folgendes zu beachten. Benzin für den Kocher mitzuführen ist nicht möglich. Die Flasche sollte schon im vorhinein ausgeleert werden und im Zweifel mit ein bisschen Seife ausgewaschen sein, damit es auch nicht mehr so stark riecht. Je nach Beamten sind auch Kleber oder Desinfektionsmittel ein Problem, dies sollte man im Fahrradrahmen verstecken. Und übrigens dürfen auch keine Messer im Kargozug befördert werden. Sein Letherman kann man als Zange tarnen. Einfach die Multifunktionsgriffe mit Klebeband einwickeln, das sollte reichen. Und zusätzliche Küchenmesser können unter dem Sattel versteckt werden. Ich habe mir dafür eine Sattelschutz im passenden Blau zugelegt um dies zu überdecken. So vorbereitet, bin ich ohne Probleme durch die Kontrolle gelangt und konnte mein Fahrrad aufgeben.

Diese Schritte erledigt kann man anschliessend durch die Sicherheitskontrolle und in den Zug. Es macht Sinn, die Aufgabe Ticket und Gepäck einen Tag vorher zu erledigen. Denn die verschiedenen Orte müssen zuerst mal gefunden werden. Und ich kenne auch jemand der zuerst an einen 20 Kilometer entfernten Bahnhof gefahren ist 😉

Die Sicherheit an Chinesischen Bahnhöfen ist next Level. Um das Gelände zu betreten werden schon mal die ersten Stichprobenkontrollen durchgeführt. Bei Fussgänger und Fahrradfahrer werden alle Taschen gescannt, bei Autos grundsätzlich nicht. Ausser du bist ein Tourist dann wirst du auch kontrolliert. Das war richrig lächerlich. Ich wurde gestoppt im Taxi, musste dann mit einer von drei Taschen durch die Sicherheitskontrolle und konnte danach weiterfahren. Das hat so richtig keinen Sinn gemacht, aber ja. Die Polizei ist ja wie schon erwähnt ziemlich spitz auf Touristen. Bis man nun im Zug sitz, muss man sich einer flughaflichen Kontrolle unterziehen. Alles Gepäck wird kontrolliert, von offenen Wasserflaschen muss getrunken werden und auch du selbst wirst von Kopf bis Fuss abgetastet. Interessant das diese Kontrollen von Frauen durchgeführt werden, egal ob Mann oder Frau.

Nun ist man endlich im Bahnhof angelangt und muss nur noch darauf warten, bis die Schranken zu den Gleisen aufgehen. Denn es ist nicht erlaubt sich auf dem Perron aufzuhalten, wenn der Zug noch nicht abfahrbereit ist. Sein Ticket noch ein letztes Mal kontrolliert, gibt es keinen Grund mehr nicht endlich einzusteigen und den Sitzplatz zu finden.

Bisschen enttäuscht musste ich feststellen, dass ich mich soeben in die Holzklasse einquartiert hatte. Zwei Reihen a sechser Abteile füllten den Wagen. Der Gang war so knapp bemessen, dass die meisten Passanten mir ausversehen irgendetwas an die Schulter klatschen. Und dies würde ich nun für die nächsten 30 Stunden aussitzen müssen? Nach einer Stunde fühlte sich mein Rücken bereits an, als würde er in jedem Moment auseinander brechen. Denn die Bank war nicht bequem. Da musste also schnell eine Lösung her, wenn dies noch eine angenehme Fahrt werden sollte. Klever wie ich bin, wurde ein freien Platz am Boden erspäht und in weiser Voraussicht hatte ich natürlich meine Luftmatratze dabei mit meinem Stuhlkit. So machte ich mir es am Boden gemütlich. Wir wären aber nicht in China wenn nicht irgendein Beamter, dich darauf hinweist, dass dies was du tust nicht erlaubt sei. Schliesslich ist ja am Boden zu sitzen ohne irgendjemand zu stören oder den Durchgang zu versperren eine böse Sache, die es zu verhindern galt. Aber wer fleissig meinen Blog liest, weiss was in einer solchen Situation zu tun ist. Genau, seinen eigenen Verstand benutzen und dem Beamten zu Widersprechen und ihm die Unnötigkeit seines Verlangens aufzuzeigen. Und nach einigen bösen Blicken werde ich doch tatsächlich in Ruhe gelassen. Oh welch ein Wunder! Es entwickelt sich sogar eine kleine Freundschaft welche sich durch lächeln und verständnisvolle Blicke für das Gegenüber auslebt. Denn die selbe Sprache sprechen wir leider nicht.

So vergeht die Zeit und die Landschaften werden in die langen Schatten der Nacht gehüllt, bis man irgendwann nichts mehr sieht. Und der Zug stetig brummend durch die Nacht rast. Naja ich sehe sowieso nichts in meiner Kuhle am Boden, ich wollte das jetzt aber poetisch schreiben. Sowieso ist die meiste Zeit links und rechts neben den Gleisen ein Mauer. Muss wohl zum Schutz sein. Den dieser Verhindert einen ungestörten Blick auf die Wüste Gobi.

Auch die Stimmen werden langsam ruhiger, wer glück hat legt sich über drei freie Plätze was fast ein Bett ergibt. Andere Schlafen im Sitzen. Und nochmals andere legen ihre Luftmatratze am Boden aus. Also nur ich 😉

Die Stille wird nur von den Kontrolleuren durchbrochen welche alle 1-2 Stunden den nächsten Ort ansagen. Dies tuen sie indem sie laut durch den Wagen schreien. Um 04:00 Uhr konnte ich dann trotzdem noch einschlafen und wachte einige Stunden später wieder auf. Nur noch 12 Stunden Zugfahren. Schon fast da. Mittlerweile habe ich schon fast die ganze Kristall Pokemon Edition auf meinem Gameboy Emulator durchgespielt. 30 Stunden müssen schliesslich gut investiert werden. Ich erinnere mich daran an die Qual, auf dem Gamboy Color am Anfang noch kein Fahrrad zu haben, was für eine langwierige Sache. Gut, auf dem Handy kann man einfach die Geschwindigkeit bis auf das 16 fache erhöhen, was dieses Problem gekonnt aushebelt. Während ich gerade in einen atemberaubenden Kampf verwickelt bin, kommt mal wieder ein Beamter vorbei welcher mir weiss machen wollte, dass ich hier nicht Sitzen dürfte. Verwirrt schaue ich ihn an, nach über 20 Stunden war das also immer noch ein Ding? Lustig. Ich glaube sogar das seine Kollegen ihn darauf hingewiesen haben es sein zu lassen. Jedenfalls durfte ich bis am Ende sitzen bleiben. Obwohl es gegen Ende sowieso ungemütlich wurde, denn je mehr wir uns Peking näherten, desto mehr wurde der Zug zu einem Pendlerzug. An jeder Station stiegen dutzende Leute ein und aus. Und der Zug füllte sich immer mehr. So wurde auch mein Platz immer mehr von anderen eingenommen. Bis ich mich dann entschied die letzten zwei Stunden noch zu stehen. Und endlich war es soweit, um 20:20 fuhr der Zug nach 30 Stunden in Peking ein. Und wir durften alle aussteigen.

So war ich also in einer neuen Stadt angekommen. Wusste nicht wohin und nicht mal ob mein Fahrrad und das zusätzlich aufgegebene Gepäck bereits angekommen ist. Durch Zufall hatte ich in Urumqi gesehen, dass mein liebes Fahrrad im gleichen Zug transportiert wurde. So konnte ich davon ausgehen, es noch heute wieder zu sehen. Mit nur einem Zettel bewaffnet machte ich mich auf, den richtigen Ort zu finden um es abzuholen. Erst nach dem dritten Mal Zettel einem Polizisten zeigen wurde ich in die richtige Richtung geschickt. Einen dunklen Torborgen passierend um die Ecke gehen, fand sich dann das rettende CRE-Schild an der Hausmauer. Ohne Hilfe würde man diesen Ort nicht finden. Mittlerweile hat es fein zu Regnen begonnen, meine Motivation noch einen Schlafplatz zu finden stieg nicht unbedingt.

Der CRE Raum hatte auch schon bessere Tage gesehen, Stühle die fast zusammenbrachen und Arbeitende, welche die Situation nicht gerade aufhellten. Doch gegen meinen schlimmsten Befürchtungen, dass ich nun hier noch einige Stunden warten werden müsste, stand mein Fahrrad schnell neben mir und auch das Gepäck war vollzählig angekommen. Sogar das Messer hatte die Schmuggelfahrt überstanden. Fast schon bisschen emotional über das Wiedersehen, packte ich meine sieben Sachen zusammen und machte mich auf den Weg ein Hostel zu finden.Mit weiser Voraussicht hatte ich mir einige vielversprechende Optionen herausgesucht und wusste deshalb wo ich hin musste. Nur hatte ich nicht damit gerechnet, dass alle Hostel voll waren. Auch wurde mein Vorschlag das ich doch nur einen Platz auf dem Boden bräuchte, weggewiesen. Dies sei nicht möglich. Nicht erlaubt. So klapperte ich 4-5 Hostel und Hotels ab. Alles voll, oder nicht für Touristen erlaubt, da sie keine Tourismuslizenz haben. Um 00:30 fand ich dann endlich ein Raum, welcher aber 100 Dollar kosten würde für eine Nacht. Das war mir dann auch zu blöd. Für nur Schlafen zahle ich keine 100 Dollars, da müsste mindestens einen ganzen Tag herausspringen. Ich hatte nicht mehr zu verlieren und sprach einige westlich aussehende Menschen an, welche aber auch irgendwelche Gründe erfanden, mir nicht helfen zu können. Selbst wenn es für mich nicht wirklich brauchbare Argumente waren. Naja scheint wohl nicht jeder so offen zu sein.

Rückblickend wäre sicherlich auch ich skeptisch wenn mich mitten in der Nacht irgend ein Typ auf einem Fahrrad ansprechend würde und nach einem Platz zum schlafen fragen würde. Jetzt würde ich wohl nicht mehr lange zögern ihm zu helfen.

Nun war es bereits 02:00 Uhr und ich fuhr bisschen planlos die Strassen entlang, denn ich wusste nicht mehr wo ich genau hin sollte. Nun würde es auch schwierig werden, noch ein offene Rezeption zu finden. Mein Weg führte mich entlang einen kleinen Sees und ich erspähte eine Stelle welche vom grünen Gebüsch verdeckt war. Auch war an dieser Stelle keine Strassenlaterne, welche die Szenerie in schützende Dunkelheit warf. Keine Ideen mehr habend, entschloss ich mich diesen dunklen Fleck etwas genauer zu untersuchen. Neben der Grasfläche und den Büschen verlief ein ca. 1.5 Meter tiefer Kanal entlang des Hauses. Sicherlich nicht optimal, aber wohl die beste Chance heute noch einige Stunden Schlaf zu können. Unbemerkt von einigen Fischern, welche um diese Uhrzeit noch am See ihr Glück versuchten, schob ich mein Fahrrad in die Dunkelheit. Und packte alle meine Sachen in den Kanal. Es war nicht genug Platz um das Zelt aufzustellen, so würde dies eine Nacht unter freiem Himmel werden. Der feine Regen hat einige Stunden zu vor auch wieder aufgehört, so könnte dieses Vorhaben wirklich gelingen. Etwas angespannt, den Geräuschen der Stadt lauschend, schlief ich dann ein.

Tief und entspannt habe ich wohl nicht geschlafen, dies würde sich auch nicht mehr ändern, als ich um 04:00 erwachte und einen Mann auf meiner Kanalmauer stehen sah. Mit unerwünschten Besuch hatte ich mittlerweile genügend Erfahrung, als das mich die Situation erschreckt hätte, nur hatte ich nun wirklich keine Lust, jetzt ein Drama zu haben. Er sprang auf den Boden um einen Besen aufzuheben und danach wieder zu verschwinden. Völlig verwirrt was diese Aktion jetzt genau sollte, hörte ich ihn doch tatsächlich pfeifend die Strasse wischen. Um 04:00 Nachts!?! Ihn hat es nicht gestört das ich da lag, das er mich nicht gesehen hatte konnte ich mir kaum vorstellen. Ich schlief erneut ein und würde erst wieder von lauten Menschenstimmen einige Stunden später geweckt werden.

Verwundert was dieser Lärm um 07:00 jetzt genau sollte stand ich auf. Mein Blick traf den Besen, welcher nun wieder im Kanal lag. So hatte der Mann seine nächtliche Reinigungsaktion wohl erfolgreich abgeschlossen. Und ohne mein Bemerken den Besen zurück gebracht. Meine Begeisterung hielt sich in Grenzen über diese Entdeckung. Kurzer Kontrollblick, alle meine Taschen schienen noch da zu sein. Gute Sache. Nun konnte ich meine Aufmerksamkeit der Strasse widmen. Viele Menschen waren bereits auf den Beinen, um morglichen Sport zu machen. Denn China hat nur eine Zeitzone und so war es in Peking schon hell, zu einer Zeit wo im westen noch Dunkelheit herrschte. Ich war froh, das es wieder hell geworden ist, so würde meine Nacht nun vorbei sein.

Fazit: Wenn es keine andere Möglichkeit mehr gibt, würde ich wieder dort schlafen gehen. Wenn es aber möglich ist werde ich es nicht mehr tun. (Schmunzel)

Für alle welche sich mal in der gleichen Situation befinden:

Kuschliger Kanal für eine Nacht.

Für alle kommenden Nächte gab es dann keine Probleme mehr. Insgesamt habe ich in drei Wochen Peking an 8 verschiedenen Orten geschlafen.

Wieso bin ich den überhaupt nach Peking gefahren und nicht direkt weiter Richtung Laos? Denn eigentlich können mich grosse Städte nie wirklich lange begeistern und nach wenigen Tagen habe ich das dringende Verlangen wieder raus auf die einsamen Strassen zu kommen. Der Grund ist einfach. Und zwar Tanzen. Ich habe vor zwei Jahren angefangen in der Schweiz zu tanzen. Welches mich aus einer Sinneskrise geholt hatte. Auch wurde mir durch tanzen das erste Mal richtig bewusst, dass ich attraktiv sein konnte. Ebenfalls wurde mein Umgang mit nahem Körperkontakt zu Frauen so entspannt und angenehm, dass ich seit dem dies nicht mehr missen wollte. Denn zuvor war ich was dies anbelangt wirklich schüchtern gewesen und heute kann ich mich an wildfremden Menschen werfen und eine schöne Zeit erleben ohne irgendwelche Ängste. Tanzen ist meiner Meinung nach auch eine Aktivität um mit fremden Menschen zu kuscheln, ohne das man sich rechtfertigen müsste dies nun tun zu wollen. Man stelle sich vor wenn man, dies auf offener Strasse machen würde. 🙂

Um es vereinfacht zu sagen, gibt es zwischen Istanbul und Peking auf meiner Route keine offizielle Socialdanceszene. Natürlich gibt es traditionelle Tänze, aber diese müssen zuerst mal gefunden werden. Im Internet ist grundsätzlich aber nichts zu finden. So war klar das ich Peking einen Besuch abstatten werde, denn hier gibt es die Möglichkeit an 6 von 7 Tagen die Woche unterschiedliche Swingtänze zu tanzen. Lindyhop, Balboa und sogar eine eigene Bluesabend gibt es hier. Und alle Informationen sind einfach auch http://www.swingbeijing.com zu finden.

Der Bluesabend interessierte mich am meisten, denn mir war es sehr danach wieder mal aktiv zu Kuscheln. So hatte ich meinen Zugfahrt geplant, dass ich einen Tag vorher ankommen würde.

Um euch eine kleine Vorstellung der Szene zu geben. Als Grundsatz würde ich sagen, dass auf 10 Asiatische Tänzer 1 westlicher Tänzer zu sehen ist. Das heisst, wenn ich ein Raum betrete falle ich grundsätzlich auf. Da hilft sicherlich auch mein Aussehen mit, lange Haare und Bart, ein bisschen wild sehe ich schon aus. Die Blicke sind aber freundlich musternd. Nicht dieses abschätzende Gaffen auf den Strassen. Ich war mir recht sicher, dass es wohl nicht zu lange gehen würde bis ich Fuss gefasst hätte.

Zu dieser Zeit war mein Ziel immer noch einen oder mehrere Hosts für meinen Aufenthalt in Peking zu finden. Und dachte mir, es sei eine gute Idee die Tanzlehrerin nach Möglichkeiten zu fragen. Die Situation ist in China was Hosting anbelangt aber eher mühsam. Denn um Jemand offiziel zu hosten, müsste der Gast bei der Polizei registriert werden. Es ist also „illegal“ jemand ohne Bewilligung bei sich aufzunehmen. Dies erschwert die Suche natürlich dementsprechend. Auch kam dazu, dass die Lehrerin mich ja nicht kannte und wenn sie mich als eine Vertrauensperson der Locals, als möglicher Gast empfehlt, musste sie ja wissen das ich keine böse Absichten hatte. Mir kam der geniale Gedanken, dass eine Chance bestehen würde, dass Annie (Tanzlehrerin China) Bigi (meine Schweizer Tanzlehrerin) kennen könnte und so Bigi, meine guten Absichten bestätigen könnte. Und tatsächlich kannten sich die beiden, denn die Tanzwelt ist ja schliesslich klein. Über Facebook konnte Bigi mich dann bestätigen, als vertrauenswürdige Person mit manchmal bisschen verrückten Ideen. So war natürlich die Unbekanntheit nach wenigen Stunden gebrochen und Gefühlt war ich nun schon mehrere Monate in der Stadt.

Nach einem Song wurde von Annie eine kleine Ankündigung gehalten, wer ich bin und was meine Gesichte sein. Ein Raunen und erstaunte Blicke ging durch den Raum. Mir wurde anschliessen ein Willkommens Jam gewidmet. Das heisst, die Leute stehen um dich in einem Kreis und du wechselst die Partner wie sie kommen. Nicht unbedingt das angenehmste zu tun, denn gerade im Bluestanzen geht es nicht darum eine Show zu machen, sondern eine Verbindung mit dem Partner einzugehen und die Welt zu vergessen. Aber es ist ein schönes Zeichen des willkommen heissen. Bisschen später hatte ich dann auch schon mein erstes spontanes DJ-Set. Ich war also gut in der pekinger Tanzszene angelangt.

So ging das weiter, am nächsten Tag kam dann sogar schon eine Dame auf mich zu gekommen, um mich zu Fragen ob ich den der Typ bin, welcher mit dem Fahrrad nach China gefahren sei. Sie habe schon von mir gehört.

Schon lustig was meine Geschichte nun für eine Einfluss auf mein Leben hat. Und ich frage mich manchmal auch, ob ich überhaupt Lust darauf habe sie zu erzählen. Denn es fühlt sich für mich bisschen an, als würde ich nach Aufmerksamkeit suchen, wenn ich lässig in einem Nebensatz erwähne nun schon acht Monate mit dem Fahrrad unterwegs zu sein. Meistens kommt dann die Antwort, ah du reist mit dem Fahrrad durch China? Und dann muss ich ja fast korrigieren und sagen: Ja das stimmt schon, aber ich bin in Europa gestartet. Dies Löst dann schon bisschen mehr Begeisterung aus, als wenn ich hergeflogen wäre. So setze ich meine Geschichte bewusst ein, aber versuche nicht sie um mich zu werfen.

Ein Nebeneffekt wenn ich in grossen Städten bin, welcher durch das Tanzen sogar noch verstärkt wird ist die Einsamkeit. Denn obwohl ich täglich von Tausenden Menschen umgeben bin und auch jeden Abend mit ihnen Tanzen kann, ist dieser oberflächliche Kontakt, eine wahre Qual für meine Seele. Denn Jeder hier hat sein eigenes Leben und niemand interessiert sich für mich, auch kenne ich nicht wirklich Jemand. So kommt es vor das ich eine nette Person an einem Abend kennengelernt hatte, wir eine gute Zeit zusammen verbrachten und sich die Person vielleicht nicht mal verabschiedet als sie ging. Es fühlt sich an als ob mit der Anker auf meinem Boot weggerissen wird, welcher ich gerade versucht hatte zu setzen und ich wieder auf das offene Meer getrieben werde. Und dies jeden Tag aufs Neue. Es fehlt mir an Menschlichen Rückzugorten. Irgendjemand, bei wem ich mich nicht mehr erklären und jeden Tag von neuem Anfangen muss. Ein solches Tief hatte ich nach einer Woche. Und ich war froh, dass mein Plan es nun vorsah eine paar Tage aus der Stadt zu kommen. Dazu gleich mehr.

Nun fragst du dich sicherlich: Aber Micha, wieso reist du denn Alleine, wenn du solche Gefühle hast? Ja Anika, Tobias, Anna, Lukas, Stefanie, Salome, Luca, Joel, Seraina, Monika, Oliver, Lasse, Manon, Ricarda, Hans, Philipp und all die anderen, das ist eine Frage die kann ich euch leicht beantworten:

Denn diese Gefühle habe ich nicht wenn ich alleine Unterwegs bin. Wenn ich Abends mein Zelt an einem ruhigen Platz aufschlage, mir etwas Koche und der Welt zusehen kann, wie Nacht herein bricht, bin ich tiefst entspannt. (Tiefe Entspanntheit kann nur mit folgenden Bedingungen erlangt werden, keine Polizei, kein Regen, keine eisige Kälte, usw 😉 Wenn ich alleine sein kann fühle ich mich grundsätzlich nicht Einsam. Denn ich liebe es. Ich würde niemals, Niemals! Ohne Zelt reisen und jeden Abend unter Leuten sein müssen. Denn das alleine sein ist mein Freund, welcher mich begleitet und wo ich mich nicht erklären muss.

So machte ich mich auf nach dem zweiten Bluesabend, eine Woche lang zu der Chinesischen Mauer zu fahren und bisschen Abstand zu gewinnen.
An diesem Abend hatte ich nun sogar schon ein offizielles DJ-Set und einen 30 Minütigen Gitarrenauftritt. Aus eigener Perspektive war dieser bisschen holprig und ich sehe noch Verbesserungspotenzial, aber den Leuten hat es gefallen und auch ich hatte meinen Spass daran. Das schwierige beim Spielen für Tänzer, ist den Rhythmus konsequent durch zu spielen, denn dies ist einer der entscheidenden Punkte, ob der Abend gelingt.

Habe ich Schmerzen?

Die Polizei ist hier übrigens deutlich entspannter. Das merkte ich als freihändig laut singend auf dem Pannenstreifen der Autobahn, von einem Polizeiwagen überholt wurde und mir keine Beachtung geschenkt wurde. Denn liebe Kinder, mit dem Fahrrad gehört ihr nicht auf die Autobahn. Nur eine Dame an einer Mountstelle hatte ein Problem mit meiner Anwesenheit. Auf der Grundlage, dass mich schon einige Polizeiwagen gesehen hatte und nichts passiert war, ignorierte ich sie und fuhr weiter. Ich hörte sich noch wütend, mir nachschreien. Naja, shit happens.

Nun galt es nur noch Benzin für das Nachtessen zu finden. Denn ich musste meine Flasche leeren als ich sie in den Zug verladen hatte. Dies stellte sich aber als schwieriger heraus als gedacht. Zwar sind hier die Tankstellen nicht mehr eingezäunt, wie es noch in Xinjiang der Fall war. Aber trotzdem kam ich nicht an Benzin ran. Denn die Zapfstellen funktionieren nur mit der Karte der Angestellten. Und diese wollten mir kein Benzin geben. Die Polizei welche später auftauchte, erklärte mir das es verboten sei Benzin ausserhalb von Autos usw. zu lagern. Es wäre nicht möglich. Denn schliesslich handeln sie für meine eigene Sicherheit, denn das Benzin könnte schliesslich explodieren. Manchmal würde ich gerne die Scheisse welche gewisse Beamten in diesem Land verzapfen aus ihnen heraus schütteln. Glauben die wirklich den Quatsch welche sie da herausplapern? Naja oke, dass ihr nicht irgendeinem Dude 100 Liter Benzin in einem Kanister geben wollt, kann ich verstehen, aber mir? Der nach einem halben Liter fragt um damit kochen zu können? Ein halber Liter! Solche bullshit Aussagen wollen nicht in meinem Kopf hinein. In diesem Land gibt es Regeln, welche nicht hinterfragt werden. Selbst wenn sie auf logisch basiertem Denken keinen Sinn machen. So zog ich wütend weiter um einen Platz zu finden. Immerhin folgten sie mir nicht, das wäre es noch gewesen. Mein Nachtessen wurde anstatt gekochte Kartoffeln eine grosse Packung Chips. Ist ja fast das gleiche. ^^

Am nächsten Tag wurde sogar noch ein wildes Benzinvorkommen gefunden. In einer Garage in einem kleinen Raum wurden einige Kanister davon gelagert und ich konnte dem Besitzer einen Liter davon abkaufen. Soviel zum lagern ausserhalb von Fahrzeugen.Es tat gut wieder unterwegs zu sein, nicht ständig irgendwelche Leute um sich zu haben und auch wieder bisschen mehr Grün zu sehen. Respektive Gelb und Braun, denn mittlerweile hat der Herbst Einzug gehalten, was sich auch an den doch deutlich kälteren Nächte bemerkbar machte.

Am Abend des dritten Tages, hatte ich die Mauer erreicht. Es war bereits am ein dunkeln, als ich den Fuss der Hügelkette erreichte. Ich entschloss mich zu versuchen auf der Mauer selbst zu schlafen, vielleicht würde es die Möglichkeit geben, auf einem der alten Türme mein Zelt aufzustellen. Die letzten 300 Meter gab es nur noch Treppenstufen. Dies hinderte mich aber nicht mein Gepäck hochzutragen. Mit solchen Aktionen kenne ich mich mittlerweile gut aus. Es zog ein eisiger Wind und es war Kalt. Beim ersten Turm hatte ich Glück. Naja es war kein Turm mehr sondern nur noch eine gerade Fläche. Mehr würde ich aber nicht brauchen. Noch schnell was gekocht, denn schliesslich gibt es Benzin, danach in den Schlafsack und die Nacht hinter sich bringen.

Welche aber nicht all zu lange war, denn um 06:00 Uhr morgens hörte ich Stimmen um mein Zelt. Verschlafen schlüpfte ich aus meinem Zelt in die eisige Morgenluft hinaus. Es hatten sich vier Touristen vor meinem Zelt versammelt. Welche offensichtlich nicht bewusst war das sie gerade in mein Schlafzimmer getreten sind und zu allem Überfluss nicht den Anschein machten, es wieder zu verlassen. An diesem Morgen fühlte ich mich das erste Mal gezwungen einen Tee zu kochen, denn ich zitterte am ganzen Körper. Als die vier dann endlich weiter zogen, kroch ich zurück in mein Zelt, um noch ein paar Stunden zu liegen und die Kälte abzuwarten.Mein Plan war, das Fahrrad und Gepäck an der Mauer zu verstecken und einige Stunden über diese zu wandern. Als ich dies gerade umzusetzen versuchte, traf ich auf Alex. Ein Deutscher, welcher sich entschlossen hatte, nach 12 Jahren Dienst in der Bundeswehr, auf die Reise um die Welt zu machen. Und wie es der Zufall so wollte, trafen wir uns genau hier. Spontan entschied ich mich, nach seiner Zustimmung, einen Tag mit ihm abzuhängen. Denn ich hatte keinen Stress und auch nicht einen Plan. So machten wir uns zusammen auf. In diesem Teil der Mauer gibt es ein Militärgebiet, bei welchem man nicht mehr auf, sondern neben der Mauer laufen muss. Der Text „Military Zone, Do not enter“ wies darauf hin, dass es nun Zeit sein würde die Mauer zu verlassen. Als Witz vorderte ich Alex auf, dieses Verbot zu missachten. Er lehnte ab, auf Grund seiner Vergangenheit als aktiver Offizier der Bundeswehr, währe es wohl nicht die beste Idee in einem Militärgebiet in China aufgefunden zu werden. Nach einiger Zeit, das Sperrgebiet längst wieder vergessen, kamen wir an eine Stelle der Mauer, mit einer offensichtlichen Leiter. Es war förmlich eine Einladung die Mauer hier zu beklettern. Nun ja, leider kann man mein freches Grinsen im Text nicht erkennen. Um diese Leiter noch bisschen genauer zu beschreiben. Es handelte sich um einige fehlende Steine in der Mauer, welche die Möglichkeit ergaben hochzuklettern. Eine solche Möglichkeit muss man mir nicht zweimal geben, flink kletterte ich die paar Meter hoch. Alex schloss sich meiner Tat an. Der Touristenguide einer 20ig Köpfigen Gruppe hinter uns, war eventuell nicht unbedingt so begeistert. Unser Fehler bemerkten wir dann selber auch, nach einigen Minuten gehen. Denn wir hatten uns Zugang geschaffen auf dem gesperrten Militärzonen Teil der Mauer. So standen wir nun von einer 2.5 Meter hohen Mauer mit Stacheldraht. Kein Durchkommen, auch ist die Mauer von oben her betrachtet doch etwas höher als gedacht. Die einzige Möglichkeit bestand darin, in das Militärgebiet einzudringen, unter einem Stacheldrahtzaun durchzukriechen und entlang der Mauer zum nächsten Turm zu gelangen. Wir hatten die Rechnung ohne die Kameras gemacht und auch ohne den Polizist, welcher nach einigen Minuten auftauchte. Er rufte irgendetwas, klang so als würde er uns davon abhalten wollen unseren Plan zu vollenden. Alex war bisschen unsicher ob wir weiter machen sollten. Unbeirrt setze ich meinen Weg fort und erklärte ihm die wichtigste Regel im Umgang mit Polizisten in China. Einfach ignorieren. Funktioniert fast immer. So gelang es uns zurück auf den offiziellen Teil der Mauer zurück zukommen, entspannt erklärte ich den Anwesenden, dass die ganze Aktion nicht gefährlich war wenn man weiss was man tut. Und schritt überzeugt davon. War ja auch nichts neues für mich, mit Militärgebieten kenne ich mich ja schon aus in China.
Der Rest des Tages verlief ohne weitere Zwischenfälle. Einen wunderschönen Sonnenuntergang und eine Radbergungsaktion später befanden wir uns in einem kleinen Hostel mit ganz vielen Katzen um dort unsere Nacht zu verbringen.Nach diesen wenigen Tagen Natur, war ich nun wieder bereit zurück nach Peking zu fahren und weiter zu tanzen.

4 Kommentare zu „Tanzen, tanzen, tanzen! Und eine Mauer.

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  1. ‚Nice and always crazy story Micha. Very beautiful sunset with the Cinees Wall. If whenever you will come to Belgium to viditing Geito, bring your guitar with … Want to hear the Troubadour😄😄😄 Marleen(Geito’s Mam) He is coming back very soon.It are his last days.

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  2. Hey Micha. Hammer, bi eifach beidruckt, vo dire Reis, vo dim Muet und wie du kreativ mit Useforderige umgeisch. Und, du schribsch sehr ungerhautsam, ächt amüsant ;-).

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